
Wir schreiben das Jahr 1989, als der kleine Marco mit seinen 14 Jahren von einer Schallplatte komplett umgehauen wird. Was sind denn das bitte für mörderische Texte, verpackt in unfassbar gute Melodien? Man kann also auch über Gewalt und Gefängnisalltag singen? Das kannte ich von den ein Jahr zuvor entdeckten, doch eher spaßigen Die Ärzte nicht.
Mir ist natürlich klar, dass es bei den Hosen immer auch eine Altersfrage ist, welche Songs oder Alben man am besten findet. Für manche war nach der „Opel-Gang“ alles nur noch Mist, andere schwören auf „Wannsee“. Völlig legitim und ehrlich gesagt auch ziemlich egal.
Woran aber einfach nicht zu rütteln ist: Auf der „Horrorschau“ gab es kein Füllmaterial. Ich habe die Hosen seitdem immer gehört und auf jedem Album viele Hits entdeckt, aber eben auch immer den einen oder anderen Song geskippt. So ist es auch auf dem neuen und letzten Album. Songs wie „Ich will“ finde ich einfach nur langweilig. Das Thema haben die Jungs mit „Sekt oder Selters“ deutlich besser umgesetzt. Ähnlich geht es mir mit „Düsseldorf“. Keine Frage, der Song hat eine eingängige Melodie, aber als jemand, der nicht dort lebt, interessiert mich das Thema eher wenig. Außerdem war mit „Modestadt Düsseldorf“ eigentlich schon alles gesagt.

Aber dann gibt es da eben auch diese anderen, wunderbaren Lieder, die es auf Hosen-Alben schon immer gab. Die, die mich komplett abholen. „Was früher einmal war“ gehört für mich dazu. Der Song geht unter die Haut, weil er im Hier und Jetzt noch einmal den Bogen zu „Das Wort zum Sonntag“ schlägt. Und verflucht, inzwischen möchte ich tatsächlich von den Jungs hören, was früher einmal war. Ich glaube, da gibt es noch eine Menge unerzählter Geschichten.
Über „Schlechte Nachbarn“ brauchen wir nicht reden, das Ding ist eh ein Brett. Gleiches gilt für „Was ist mit uns los“, „Nur nach vorn“, „Augen zu“ und „Schicksal“. Das sind diese typischen Songs, die erst nach zwei oder drei Durchläufen ihr ganzes Können entfalten und bei denen man schon jetzt ahnt, dass sie auch in zehn Jahren noch funktionieren werden. Mit „Glück“ schließt sich dann der Kreis zu großartigen Songs wie „Nur zu Besuch“ oder „Draußen vor der Tür“, die ähnlich unter die Haut gehen. Fast so sehr wie die Zeile „Nur ein Konzert endete stumm, seitdem steht Rieke immer ganz nah neben uns“ aus „Trink aus“. Für mich eine der wichtigsten Zeilen auf diesem letzten Album.
Natürlich darf man beim Hören eines Abschiedsalbums auch mal sentimental werden. Trotzdem ist ja noch lange nicht wirklich Schluss. Ich glaube fest daran, dass das Konzert Ende des Monats im Frankfurter Stadion nicht mein letztes gewesen sein wird. Auch wenn ich nie ein Fan davon war, auf einem Konzert das Shirt der Band zu tragen, die gerade spielt, hatte ich immer einen Plan: Zur allerletzten Show würde ich mein erstes Bandshirt überhaupt anziehen. Das Tourshirt der „Kreuzzug ins Glück“-Tour von 1990 liegt immer noch im Schrank. Da liegt es jetzt schon so lange. Es darf gerne noch ein bisschen länger dort bleiben.

