Die Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet & Leftovers


27.06.2026 – Frankfurt / Waldstadion


Bei angenehmen 41 Grad starten wir mit vorgewärmtem Wegbier vom Darmstädter Hauptbahnhof Richtung Frankfurt. Natürlich kriegt die Bahn wieder nichts gebacken – außer ihre zahlenden Kunden in den wartenden Zügen. Was für ein armseliger Verein das einfach ist. Wenigstens sind die Hosen-Fans im Zug gut drauf und mit reichlich Gequatsche vergeht die Wartezeit dann doch recht schnell. Natürlich verpassen wir dadurch auch die Leftovers, die ich mir gerne mal angesehen hätte. Aber ich hoffe einfach, sie demnächst in einem kleinen Club zu erwischen. Das hat sowieso mehr Charme. Als wir endlich in Frankfurt ankommen, hören wir draußen schon Feine Sahne Fischfilet „Alles auf Rausch“ spielen. Fuck, ist das hier groß und weitläufig. Bis man da endlich mal drin ist, vergeht gefühlt schon wieder ein halbes Konzert.


Als wir Frankfurts größte Massen-Sauna schließlich erreichen, feuern die Rostocker aber noch genug Hits ab, während wir uns mit einem Bier für 7,50 Euro gemütlich anschauen, wie der Typ vor uns völlig entspannt auf den Boden kotzt. Rechts neben uns tanzt und feiert Marteria mitten im Publikum und überhaupt ist die Atmosphäre für ein Stadionkonzert erstaunlich entspannt. Mittlerweile haben wir uns auch mit kostenlosem, eiskaltem Wasser versorgt und beobachten genüsslich, wie die Leute mit ihren Flip-Flops durch die Kotze waten. Fast wie auf einem kleinen, asseligen Kellerkonzert – nur eben mit ein paar zehntausend Menschen mehr.


Plötzlich spricht mich ein Typ an und fragt, ob ich nicht der Kerl vom Hosen-Geheimkonzert sei. Völlig verwundert frage ich, woher er das weiß. Die Antwort kommt prompt: Er gehört zur Gruppe der KZ-Gedenkstätte Osthofen, die 2017 ebenfalls ganz weit vorne in der Vorauswahl lag und dadurch zu unserem Magical-Mystery-Gig in Darmstadt eingeladen wurde. Sehr geil, euch mal wieder getroffen zu haben! An dieser Stelle nochmal schöne Grüße.


Unsere Reisegruppe versagt derweil kläglich bei der Frage nach dem Opener des Abends. Niemand – wirklich niemand – hätte auf „Opel-Gang“ getippt. Was für ein Einstieg! Erst danach folgen unsere Tipps vom neuen Album wie „Wir waren nie weg“ oder „Die Show muss weitergehen“. Zwischendurch besorgen wir immer wieder Eiskaltes Wasser um es uns gegenseitig in den Nacken zu kippen, in der Hoffnung natürlich, dass das Wasser nicht schon auf dem Weg zur Kimme verdunstet. Kai und ich sind uns schnell einig: Selbst Songs wie „Wannsee“, die uns auf Platte immer etwas zu glatt gebügelt vorkamen, klingen heute herrlich dreckig.


Das Ende einer Band, die mich seit 1989 begleitet, rückt also langsam in Sichtweite. Immer wieder schießen Erinnerungen durch den Kopf. Mein erstes Hosen-Konzert mit zarten 15 in Offenbach, zu dem mein großer Bruder mit musste, weil man unter 16 nicht allein rein durfte. Neben mir stehen Silvia, Kalli und Kai – Menschen, mit denen ich schon damals unzählige Konzerte besucht habe. Klar, Mitte der Neunziger gab es eine Phase, in der Punk für uns lauter und dreckiger sein musste. Aber irgendwann waren wir wieder da. Ohne die Düsseldorfer geht’s halt doch nicht.


So richtig vorstellen, dass sie irgendwann wirklich Schluss machen, kann ich mir noch nicht. Trotzdem finde ich es gut, dass sie ihre Karriere langsam ausklingen lassen. Passend dazu spielen sie „Das Wort zum Sonntag“ inzwischen in der Vergangenheitsform. Damit ist das bereits die dritte Textänderung dieses Songs, die ich miterleben durfte. Ich weiß noch, wie Campino uns nach einem Konzert in der alten Batschkapp draußen die neue Strophe langsam zum Mitschreiben vorgesungen hat, weil sie beim Gig viel zu schnell vorbeiging. „Hey Johnny kannst du uns gerade sehen…“


Und als wäre ich nicht schon sentimental genug, drehen die Jungs mit „Was früher einmal war“ die Zeit nochmal für einen halben Tag zurück. „Die Feier ist vorbei, ist kaum noch jemand da, von den Leuten, die dabei war’n, als das alles hier begann …“ Ich schaue zur Seite und freue mich einfach darüber, dass meine Leute immer noch da sind.


Mittlerweile steht Marteria übrigens nicht mehr im Publikum, sondern auf der Bühne und performt gemeinsam mit den Hosen „Welt der Wunder“. Natürlich muss ich trotzdem noch meckern. Den Song „Madeleine“ kannte ich vorher nicht und ehrlich gesagt möchte ich ihn auch gar nicht kennenlernen. Auf welchem Album ist der überhaupt drauf? Mit irgendeinem Song schaffen es die Hosen einfach immer, mich zu ärgern. Früher war’s der unsägliche „Bofrost-Mann“, heute eben der.


Unterm Strich war das aber ein unfassbar gutes Konzert. Die Band gibt auf der Bühne immer noch Vollgas. Klar, ganz so wild wie früher geht es nicht mehr zu, aber trotzdem stecken sie auch heute noch so manche junge Band locker in die Tasche. Drei oder vier Jahre dürfen sie von mir aus gerne noch weitermachen, ohne dass es peinlich wird.


Der Heimweg entpuppt sich schließlich als genauso lang wie der Hinweg. Natürlich fährt uns die Bahn direkt vor der Nase davon. Blöderweise haben wir „Trink aus, wir müssen gehen“ etwas zu wörtlich genommen und stehen nun ohne Bier an einer verlassenen S-Bahn-Haltestelle. Als ich um 2:45 Uhr endlich ins Bett falle, beneide ich ein kleines bisschen den kotzenden Typen vom Anfang. Der hat wahrscheinlich schon längst geschlafen.

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