Böhse Onkelz & Pro-Pain

04.07.2026 – Frankfurt / Waldstadion

Mit Bier begann der Tag und mit Blut endete er. Aber der Reihe nach.

Bisher kannte ich das so: Man fährt auf ein Böhse-Onkelz-Konzert, zieht sich ein paar Bier rein und feiert die Band. Heutzutage ist man allerdings besser beraten, wenn man vorher trinkt und während des Konzerts langsam ausnüchtert. 7,50 Euro für einen halben Liter Bier und dafür anschließend fünf Songs am Zapfhahn verpassen? Ist halt schon etwas mager. Von den „Profis“ am Einlass zum Innenraum fange ich lieber gar nicht erst an. Ein Wunder, dass die Meute das Ding nicht einfach gestürmt hat.

Drinnen lärmten Pro-Pain bereits ordentlich los. Und auch hier fiel negativ auf, dass die Band trotz mittig stehender Bühne nur in eine Richtung spielte. Wenn du auf der falschen Seite standest, hast du von der Band praktisch nichts gesehen. Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass das eine Vorgabe war. Begeistert werden die New Yorker davon wohl kaum gewesen sein. Sowas haben die Onkelz eigentlich nicht nötig. Trotzdem wurde es bei Pro-Pains Version von „Terpentin“ zum ersten Mal richtig laut im Stadion. Es wäre vermutlich noch lauter geworden, wenn nicht immer noch Tausende Fans draußen am Einlass festgehangen hätten. Aber ich wollte ja nichts dazu sagen…

So langsam war die Vorfreude auf die vier Frankfurter im ganzen Stadion zu spüren. Es wurde hektischer, voller – und dann ließen die fantastischen Vier die Arena mit „Lieber stehend sterben“ beben, bevor direkt im Anschluss „Heilige Lieder“ die süßesten Noten jenseits des Himmels erklingen ließ. Im Pogokreis steht ein Typ mit „Blut & Ehre“-Shirt und fühlt sich ziemlich hart. Merkt nur leider nicht, dass ihn hier eigentlich niemand haben will und er komplett ignoriert wird. Bei „Ohne mich“ finde ich ihn leider nicht mehr wieder, sonst hätte mich seine Reaktion auf die zweite Strophe interessiert. Also beobachte ich stattdessen das Publikum. Einen Unterschied zwischen den beiden Strophen kann ich nicht erkennen. Beim „Leckt uns am Arsch, sonst gibt’s auf die Fresse“ schnellen dafür umso mehr Mittelfinger in die Höhe. Sehr schön.

Zwischendurch hallen immer wieder Songs durchs Stadion, die schon in meiner frühen Jugend durch mein Kinderzimmer dröhnten. Die Gitarren von „Signum des Verrats“ sorgen dementsprechend für eine ordentliche Portion Gänsehaut. Erinnerungen eben. Was letzte Woche bei den Hosen „Nur zu Besuch“ war, ist heute „Der Platz neben mir“. Gefühlt kämpfen diesmal sogar noch mehr Menschen mit den Tränen. Als ich einen Vater sehe, der seine Kinder ganz fest in den Arm nimmt, muss auch ich kurz schlucken. Es ist ziemlich offensichtlich, wer hier fehlt.

Die Setlist war insgesamt richtig stark, wenn auch ohne große Überraschungen. Einzig „Keine Amnestie für MTV“ hätte es für mich nicht gebraucht. Der Song geht zwar immer noch gut nach vorne, hat textlich heute aber kaum noch Relevanz. Gleiches gilt für das mittlerweile ziemlich totgespielte „Mexico“. Aber wie „Hass“ schon damals sangen: „Gebt der Meute, was sie braucht.“ Dass Gonzos Sohn inzwischen fest zum Liveprogramm gehört, dürfte sich herumgesprochen haben. Dass Elvis Weidner gleich für zwei Songs auf die Bühne kam, war dagegen eine echte Überraschung. Hat er souverän gemacht. Respekt, mal eben vor knapp 60.000 Menschen zu spielen.

Natürlich muss auch Kevins „H“ erwähnt werden. Ein Song, der mich jedes Mal aufs Neue erschaudern lässt. Noch mehr, seit ich seine Biografie gelesen habe. Ich weiß noch genau, wie erschrocken ich war, als ich Kevin bei Stephans allererster Soloshow im Aschaffenburger Colos-Saal im Publikum stehen sah. Er gab geduldig Autogramme, hatte aber kurze Haare, war leichenblass und sah einfach krank aus. Ich war damals wirklich überzeugt, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Weit gefehlt. Im Jahr 2026 brüllt mir noch immer die Stimme aus der Gosse ihren Hass entgegen. Der Mann mit den 28 Leben.

Nach „Erinnerungen“ ist – wie fast immer – Schluss. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass das eines der stärksten Onkelz-Konzerte der letzten Jahre war. Der Heimweg verläuft ausnahmsweise erstaunlich problemlos. Kurz nachdem ich am Darmstädter Luisenplatz aus der Straßenbahn steige, fällt ungefähr einen Meter vor mir ein Mann einfach zu Boden. Scheiße.

Zusammen mit einer anderen Person helfe ich ihm wieder auf die Beine. Keine drei Sekunden später kippt er erneut um und schlägt mit voller Wucht mit dem Kopf auf das Kopfsteinpflaster. Erst da wird mir klar, dass der Mann völlig betrunken ist. Neben ihm liegt eine Flasche Korn. Ich bitte ihn liegen zu bleiben, bis Hilfe kommt, und will ihm seine Jacke unter den Kopf schieben. Dabei merke ich plötzlich, dass sich meine Hand irgendwie feucht anfühlt. Sekunden später sehe ich das ganze Blut. Zum Glück ist wegen des Darmstädter Heinerfests ohnehin ein Rettungsdienst direkt auf dem Luisenplatz. Ich erkläre kurz die Situation, bekomme Desinfektionsmittel in die Hand gedrückt und steige wenig später in den nächsten Bus nach Hause.

Zwanzig Minuten später stehe ich unter der Dusche und denke mir: Vielleicht waren die unverschämten Bierpreise im Stadion doch für irgendwas gut. Nüchtern ins Bett ist nämlich manchmal auch ganz schön.

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